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BDSM – freie Entscheidung oder Ausdruck alter Verletzungen?
Liebe – Belebung oder kranke Psyche

Sophie steht im Badezimmer. Der Spiegel ist leicht beschlagen, die letzten Wassertropfen trocknen auf ihrer Haut. Sie nimmt sich Zeit – für die Dessous, die Strapse, die hohen Schuhe. Es sitzt perfekt. Sie spürt sich, lebendig, voller Vorfreude. Noch einmal zieht sie den Lippenstift nach, langsam, konzentriert. Ein leichtes Kribbeln im Bauch. Ein Hauch Parfum. Das Licht dimmt sie selbst, bis der Raum in warmes Halbdunkel taucht.
Sie holt den Sektkühler und zwei gekühlte Gläser, Perlen laufen daran herab. Ein letzter Blick, ob alles bereit liegt – Tücher, Seile, Ketten, Gleitmittel. Der gut gefüllte Koffer, dessen Inhalt sich über Jahre angesammelt hat, ist geöffnet.
Über zwanzig Jahre ist sie mit Markus verheiratet. Zwanzig Jahre, in denen sich Vertrautheit und Verlangen nicht ausgeschlossen, sondern gegenseitig genährt haben. Was heute Abend geschieht, wissen beide nicht genau. Nur so viel: Sie werden sich nahe sein. Wie – das entsteht gemeinsam, im Moment.
Sie setzt noch schnell die venezianische Maske auf.
Es klingelt. Sie lässt sich Zeit. Sie lässt ihn warten – das gehört dazu.
Als sie die Tür öffnet, steht dort, mit dem Rücken zu ihr, ein Mann, ihr Mann, im langen schwarzen Ledermantel, die Lederkappe tief ins Gesicht gezogen. Sein Duft erreicht sie, bevor er sich umdreht – vertraut und fremd zugleich. „Guten Abend, junger Mann. Was kann ich für Sie tun? Möchten Sie hereinkommen?“ Er tritt ein, und mit ihm verändert sich der Raum: das Leder, sein Schritt, die Stille zwischen ihnen.
Der Abend beginnt – wie so viele ihrer Abende, die sie sich bewusst schenken. Sie planen Zeit und Raum für sich.
Zwei Menschen, die sich in- und auswendig kennen. Kein Trauma, keine Verzweiflung, keine Kompensation. Sondern Spiel, Vertrauen, Lust – neugierig, selbstbewusst gewählt, vertrauter freier Wunsch. Jeder ist vorbereitet und freut sich auf seinen Partner.
Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie BDSM. Während die einen darin eine selbstbestimmte Form gelebter Sexualität sehen, verbinden andere es automatisch mit psychischen Problemen oder traumatischen Erfahrungen. Doch die Wahrheit ist differenzierter.
Es stellt sich nicht die Frage, ob BDSM richtig oder falsch ist. Viel spannender ist die Frage:
Welche Geschichte erzählt uns unsere Sexualität über uns selbst?
Sexualität ist oft wie ein Spiegel der Seele. Sie zeigt nicht nur, was uns erregt, sondern manchmal auch, wonach wir uns tief im Inneren sehnen.
BDSM ist keine psychische Erkrankung!
Die wissenschaftliche Forschung zeigt eindeutig: Menschen, die BDSM praktizieren, leiden nicht häufiger unter psychischen Erkrankungen als die Allgemeinbevölkerung. Viele leben stabile Partnerschaften, kommunizieren offen miteinander und legen großen Wert auf gegenseitige Zustimmung, Vertrauen und klare Grenzen. Sie leben bewusst ihre Sexualität, zeigen offen ihre Wünsche und Vorlieben und lassen es nicht einfach geschehen, weil es „dazugehört“. Im Gegenteil – sie kosten jede Sekunde aus.
Wie verbreitet BDSM-Fantasien und -Erfahrungen tatsächlich sind, zeigen internationale Studien: Je nach Erhebung berichten zwischen 40 und 70 Prozent der Menschen von entsprechenden Fantasien, rund 20 Prozent haben sie auch praktisch ausprobiert. Trotz dieser Verbreitung findet die Forschung insgesamt keinen Beleg dafür, dass BDSM grundsätzlich auf Traumata oder psychische Erkrankungen zurückzuführen ist.
Konsens ist keine Nebensache
Ein besonders spannender Aspekt ist das Thema Zustimmung. Die BDSM-Community gilt häufig als besonders bewusst im Umgang mit Konsens. Klare Absprachen, Safewords und Nachsorge („Aftercare“) sind zentrale Bestandteile vieler BDSM-Praktiken – und werden inzwischen sogar als positives Modell dafür diskutiert, wie Paare generell über sexuelle Zustimmung sprechen könnten.
Das ist eine wichtige Botschaft. Sexualität sollte niemals bewertet oder verurteilt werden. Es geht nicht darum, eine Vorliebe einzuordnen – es geht darum, den Menschen dahinter zu sehen.
Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass jede sexuelle Vorliebe frei von psychologischen Einflüssen ist. Genau wie Humor, Berufswahl oder Partnerwahl entwickelt sich auch unsere Sexualität im Laufe unseres Lebens – geprägt durch Erfahrungen, Beziehungen und unser Nervensystem.
Wenn Kompatibilität zur Nebensache wird
Viele Menschen tragen bis ins hohe Alter Scham mit sich. Sie empfinden ihre eigenen Fantasien, Wünsche und Bedürfnisse als schmutzig, als etwas, das man besser für sich behält. Oft gleichen Paare sorgfältig ihre Rahmenbedingungen ab: Haus, Garten, Wohnung, Urlaub, Kinder. Hört sich gut an, wir können zusammenleben. Die Sexualität wird selten mit derselben Sorgfalt einbezogen und unter die Lupe genommen. Dabei ist sie kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Teil dessen, was zwei Menschen einander anbieten können. Wer die eigene Sexualität nie für sich erschlossen hat, kann sie ihrem Partner schwerlich öffnen.
Eine sinnliche Frau erzählte mir einmal in meiner Praxis, dass sie gerne sexy Wäsche trägt, wenn sie ausgeht. „Wunderbar“, sagte ich, „da kann sich Ihr Mann glücklich schätzen mit so einer sinnlichen Frau.“ Sie sah mich an. „Mein Mann? Nein – die Strapse ziehe ich im Badezimmer aus, bevor ich ins Bett gehe. Ich bin doch keine Hure!“
Genau dort, wo Begehren nicht wahrgenommen wird, beginnt oft leise Eifersucht. Wenn wir einem Partner nicht geben können, was er sich wünscht, wird er sich irgendwann umsehen – oder in Frustration bis hin zu einer Depression versinken. Das kann für beide Seiten sehr schmerzhaft sein. Ist ein Partner in seiner Sexualität „offener“ als der andere, kann das ein Paar auf Dauer entzweien. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel. Wegsehen heißt nicht, dass etwas von selbst abheilt – das Thema bleibt, nur unausgesprochen.
Nicht, weil sich der Partner zwingend „weiter öffnen“ sollte. Sondern die eigentliche Frage wäre: Wie geht es dem Paar mit seiner Sexualität in der Beziehung? Ist sie im Einklang – oder lebt das Paar Verzicht zugunsten des „Paar-Seins“ nach außen, in einer Beziehung, in der Sex zur Nebensache wird und „es gehört halt ab und an dazu“?
Kann unterdrückte Lust ein Leben lang ausgeblendet werden? Oder entlädt sie sich irgendwann – an anderer Stelle, still, mit einer anderen Person, im stillen Rückzug, oder wird ausgelagert (Pornos, Fantasien, Telefonsex, Clubs)?
Wie verbreitet dieses Schweigen ist, zeigt eine repräsentative Befragung von über 3.500 Menschen in Beziehungen (ElitePartner-Studie, 2018):
spricht offen mit dem Partner über sexuelle Wünsche
sprechen noch offen darüber – unter drei Jahren Beziehungsdauer
sind es noch – nach 10 bis 20 Jahren Beziehungsdauer
der Männer und Frauen können ihre sexuellen Fantasien in der aktuellen Partnerschaft tatsächlich ausleben
Quelle: ElitePartner-Studie, 2018 (repräsentative Befragung von 3.556 Liierten)
Je länger eine Beziehung dauert, desto leiser wird ausgerechnet das Thema, das am meisten Nähe schaffen könnte.
Wenn Sexualität mehr ist als Lust
In meiner Praxis interessiert mich nicht, was Menschen sexuell mögen, sondern warum. Sexualität kann Ausdruck von Freiheit sein – sie kann aber auch ein Versuch sein, innere Spannungen, Scham oder alte Verletzungen zu regulieren.
Warum fühlt sich Kontrolle so gut an?
Warum entsteht Erregung erst durch Schmerz?
Warum vermittelt Unterwerfung Sicherheit?
Warum fällt liebevolle Nähe manchmal schwer, während ein Machtgefälle intensive Gefühle auslöst?
Diese Fragen sind keine Kritik. Sie sind eine Einladung zur Selbstreflexion.
Alte Verletzungen können unbewusst mitspielen
Menschen, die in ihrer Kindheit wenig Sicherheit erlebt haben, entwickeln oft kreative Strategien, um mit Stress, Scham oder Unsicherheit umzugehen.
Einige kontrollieren alles. Andere passen sich ständig an. Wieder andere erleben intensive Gefühle, vor allem über Sexualität.
Das bedeutet keineswegs, dass BDSM zwangsläufig aus einem Trauma entsteht. Es kann jedoch vorkommen, dass Dominanz, Unterwerfung oder Schmerz unbewusst Bedürfnisse erfüllen, die früher nie ausreichend gestillt wurden – etwa nach Kontrolle, Sicherheit, Anerkennung oder Hingabe.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
„Ist BDSM gesund?“
Sondern:
„Bin ich frei in meiner Entscheidung – oder steuert mich etwas, das ich selbst noch gar nicht verstanden habe?“
Freiheit beginnt mit Selbstkenntnis
Vielleicht hilft es, sich einige ehrliche Fragen zu stellen:
- Kann ich auch ohne Machtgefälle erfüllende Nähe erleben?
- Fühle ich mich auch ohne bestimmte Rollen attraktiv und liebenswert?
- Erlebe ich Lust auch in liebevoller, gleichwertiger Intimität?
- Nutze ich Sexualität manchmal, um innere Leere, Anspannung oder Scham zu regulieren?
- Würde ich mich heute bewusst wieder für dieselbe Form der Sexualität entscheiden?
Diese Fragen haben kein richtig oder falsch. Sie können jedoch helfen, die eigenen Beweggründe besser zu verstehen.
Die Sprache unseres Nervensystems
Unser Nervensystem vergisst nichts. Frühe Bindungserfahrungen prägen häufig, wie wir Nähe erleben, Vertrauen entwickeln und Beziehungen gestalten.
Manchmal sucht das Nervensystem intensive Reize, weil Ruhe ungewohnt erscheint.
Manchmal fühlt sich Kontrolle sicherer an als Vertrauen.
Manchmal wird Schmerz mit Nähe verwechselt, weil beides in der Vergangenheit eng miteinander verbunden war.
Das macht niemanden krank. Es zeigt lediglich, dass unsere Geschichte bis heute Einfluss auf unser Erleben haben kann.
Wenn du aber stark auf sexuelle Vorlieben reagierst – allein wenn du sie hörst –, einen inneren Konflikt spürst, dich falsch fühlst oder Ängste bei dem Thema entwickelst, kann es hilfreich sein, näher hinzuschauen.
Was bedeutet Sexualität für dich? Fühlst du dich befriedigt, und passt die Erwartung zwischen dir und deinem Partner zusammen – oder ist Sex nur die letzte „Nummer“ vor dem Schlafengehen?
Spürst du, dass dein Partner mehr von dir möchte, und fällt es dir schwer, dich zu zeigen und über deine Lustlosigkeit zu sprechen oder was du bewusst ablehnst?
Sagst du dir: „Wir sind schon so lange zusammen, Vertrauen ist mir wichtig, da bleibt eben was auf der Strecke – das ist doch ganz normal“? Oder stellst du dir die Frage: „Gibt es diese Lust wirklich? – und warum empfinde ich sie nicht?“
Eine gute Therapie, Paartherapie, Selbsthilfegruppe oder Sexualtherapie hilft Menschen dabei, ihre sexuellen Vorlieben besser zu verstehen, sich selbstbewusst auf diesem Gebiet auszudrücken und klar Ja oder Nein sagen zu können.
Sie möchte verstehen.
Sie hilft dabei, unbewusste Muster sichtbar zu machen und den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern.
Vielleicht bleibt am Ende alles wie bisher. Vielleicht verändert sich etwas. Beides ist in Ordnung.
Entscheidend ist, dass die eigene Sexualität aus einer bewussten und freien Entscheidung entsteht – und nicht aus alten Verletzungen, die bis heute unbemerkt den Takt vorgeben.
Ein Wort zur Vorsicht
So bewusst und selbstbestimmt BDSM gelebt werden kann – manche Praktiken tragen ein reales Risiko, das ernst genommen werden muss. Abbindetechniken oder Atem- und Sauerstoffentzug können irreparable Schäden verursachen, manchmal in Sekunden. Es gibt Zustände, in denen ein Safeword nicht mehr gesagt werden kann. Deshalb: Sorgt gut für euch. Informiert euch, bevor ihr etwas ausprobiert. Und spürt genau hin – möchte ich mich diesem Menschen, in diesem Moment, wirklich anvertrauen? Hingabe darf nie größer sein als das Vertrauen, das sie trägt.
Mein Fazit
Nicht die sexuelle Vorliebe entscheidet darüber, ob sie gesund ist – sondern ob sie aus Freiheit entsteht oder aus einer alten Wunde, die bis heute nach einer Lösung sucht.
Nicht jede sexuelle Vorliebe braucht Therapie oder ein Gespräch.
Aber jede Vorliebe darf neugierig hinterfragt werden – genau wie ein Verbot.
Je besser wir verstehen, warum uns bestimmte Dynamiken anziehen, desto größer wird unsere Freiheit. Nicht, weil wir uns verändern müssen, sondern weil wir eine Wahl haben.
Wenn Sie merken, dass Ihre Sexualität eng mit Scham, Angst, Selbstwert, Kontrollbedürfnis oder belastenden Beziehungserfahrungen verbunden ist, kann eine psychotherapeutische Begleitung dabei helfen, diese Zusammenhänge besser zu verstehen.
Denn das Ziel ist nicht, Menschen zu verändern.
Das Ziel ist, ihnen zu helfen, sich selbst besser kennenzulernen – und dadurch freier, lebendiger und authentischer zu leben.
Claudia Franz