Chemsex – die dunkle Seite der Sehnsucht
Die Geschichte von Enrique wurde durch eine Dokumentation inspiriert. Er war lange in der Dokumentation zu sehen, und die Szene auf dem Stuhl, die ich als Läuterung empfunden habe, gab mir den Auftrag, darüber zu schreiben. Name und Details wurden verändert, um die Person zu schützen.
Chemsex ist die Spitze des Eisbergs, der den Namen Sehnsucht trägt — und dir alles nimmt, was du eigentlich bist.
Eine Zeit ohne Berührung
Du lebst in einer Zeit, die dir alles liefert, außer dem Einen.
Du bist erreichbar, vernetzt, sichtbar wie nie zuvor. Und gleichzeitig so unberührt wie selten ein Mensch vor dir.
Du optimierst dich. Du performst. Du funktionierst.
Du lächelst in Kameras, die dich nicht wirklich sehen.
Du tauschst Nachrichten, aber keine Blicke.
Du hast tausend Kontakte und niemanden, dem du um drei Uhr nachts schreiben würdest.
Du bist nicht zur Welt gekommen, um zu funktionieren. Du bist zur Welt gekommen, um geliebt zu werden. Das ist keine romantische Idee. Es ist Biologie. Ein Säugling stirbt ohne Berührung, ohne Blickkontakt, ohne ein Gegenüber, das sein Weinen beantwortet. Liebe ist keine Option in deinem Leben. Sie ist die Bedingung, unter der du überhaupt erst zu einem Selbst wirst.
Und genau diese Bedingung erfüllt deine Zeit immer seltener.
Du hast gelernt, erfolgreich zu sein, ohne gelernt zu haben, gehalten zu sein.
Du hast gelernt, zu glänzen, ohne gelernt zu haben, gesehen zu werden.
Du hast gelernt, zu funktionieren — und dabei verlernt, zu fühlen.
Die Folge ist eine Verzweiflung, die sich selten so nennt. Sie trägt andere Namen: Erschöpfung. Leistungsdruck. Einsamkeit trotz vollem Terminkalender. Sie sitzt in Menschen, die äußerlich alles erreicht haben und innerlich nicht mehr wissen, wer sie sind, wenn niemand zuschaut.
Diese Verzweiflung sucht einen Ausweg. Und manchmal findet sie ihn an Orten, die so gefährlich sind wie verständlich.
Enrique ist einer von denen, die diesen Weg gegangen sind.
Enrique
Enrique, 38, Spanier, seit zehn Jahren in London. Ein großer, athletischer Körper, gestählt durch Jahre im Fitnessstudio.
Vor sechs Jahren war Enrique Banker in einer Festanstellung in der Londoner City. Bachelor und Master mit Auszeichnung, ein Lebenslauf, von dem andere nur träumen. Eine Wohnung mit Blick auf die Themse, die er sich allein leisten konnte, mit 35. Kolleginnen und Kollegen, die ihn für den souveränsten Mann im Raum hielten — jemanden, der nie aus der Fassung geriet, der jedes Meeting mit einem Lächeln verließ, das niemand hinterfragte. Er war sehr begehrenswert. Aber er hat es nie bemerkt.
Seinen Eltern in Madrid war das alles egal. Nicht aus Boshaftigkeit. Es gab viele familiäre Probleme, und Enrique lief einfach mit und ging im Alltag unter. Enrique hatte sich durch jede Klasse, jede Prüfung, jeden Abschluss gekämpft, in der Hoffnung, dass es irgendwann ausreicht und er gesehen und geliebt wird. Auf dieses Signal wartete er bis heute. Seine Eltern haben seine Not nicht gesehen.
So lernte Enrique früh, was die einzige Regel war, die zählte: Zeig nie, was wirklich in dir vorgeht. Niemand wird hinsehen, egal wie sehr du leidest. Er lernte, stark und brav zu sein, keine zusätzlichen Probleme in die Familie zu bringen — und litt dabei wie ein Hund. Ein Kind hört irgendwann auf zu weinen, wenn es merkt, dass niemand kommt. Das Kind wird still und schneidet den Kontakt zu seinen Gefühlen und seinen Instinkten ab, um nicht an dem Schmerz zu sterben, dass er nicht gesehen wird. Hier geht die Bindungsfähigkeit früh verloren, und eine autonome Bindungsstruktur entsteht. Vertrauen wird durch Kontrolle bei Begegnung ersetzt. Da war Enrique ein Jahr alt.
Was blieb, war ein Mann, der jede Anerkennung der Welt sammelte und trotzdem leer ausging. Denn die einzige Anerkennung, die er je gesucht hatte, war die seiner Eltern: gesehen zu werden, einfach weil er da ist.
An einem Abend ging Enrique in eine Bar, so wie öfters. Allein, auf einen Drink, um die Leere zu betäuben. Jemand schob ihm einen Drink hin, dazu eine kleine weiße Linie, fast beiläufig.
Enrique zögerte. Warum nicht, dachte er. Was soll’s. Dann nahm er sie.
Von da an änderte sich alles.
Sie gingen aus der Bar, irgendwohin, weiter. Es gab mehr zu trinken. Sie rauchten. Zuerst wurde alles leichter. Jemand lachte über etwas, das er sagte, und es fühlte sich an, als würde zum ersten Mal seit Jahren jemand wirklich zuhören. Nicht weil er der erfolgreiche Banker war. Nein, es ging um ihn. Seine Fassade, seine Scheu, die Angst, die er sein ganzes Leben mit sich herumgetragen hatte — Stück für Stück fiel es ab. Er flog. Er war leicht, leichter als er sich je gefühlt hatte.
Dann kam die Explosion.
Er fasste an. Er spürte. Es gab kein Halten mehr, keine Fragen, keine Korrektur, kein ständiges Prüfen, ob er gerade richtig war. Nur noch unbändiges Sein. Es war der Moment der Ich-Auflösung — und mit ihr ein Rausch von Nähe, Berührung, Ekstase, der keine Grenzen mehr kannte. Er sprengte seine Ketten von sich ab und glaubte, das, was er fühlte, sei die Freiheit, die er immer gesucht hatte — das Gefühl, vollkommen und restlos da zu sein.
Sechs Stunden dauerte der Rausch. Sechs Stunden, die sich anfühlten wie eine Ewigkeit des Seins, des endlich Ankommens. Dann fiel er in sich zusammen, erschöpft, ausgelaugt bis in die letzte Zelle seines Körpers. Die Gedanken waren ruhig. Kein Kreisen, keine Stimmen. Nur Leere — und ein vermeintlicher Frieden mit sich selbst.
Was blieb, war eine Tür, die sich in dieser Nacht geöffnet hatte, durch die er von nun an immer wieder gehen konnte.
Er wollte es wieder haben. Jedes Wochenende einfach hingehen, einfach loslegen — verlässlich, ohne Korrektur, ohne das ständige Funktionieren. Und irgendwann reichte das Wochenende nicht mehr. Er wollte es auch in der Woche erleben. Der Hunger nach dieser Sehnsucht, nach diesem Angenommensein, ließ sich an einem Wochenende nicht mehr stillen.
Der Alltag, aus dem er kam, ließ sich mit diesem neuen Leben nicht mehr vereinbaren. Ein schleichender Umbau begann. Der Fokus verschob sich auf die exzessiven Begegnungen. Er passte nicht mehr auf sich und seine Gesundheit auf. Enrique tauschte alles, was er sich sein Leben lang aufgebaut hatte, gegen ein paar Stunden der Illusion — Stück für Stück, ohne dass er es in dem Moment merkte, in dem er es tat.
Heute lebt Enrique auf der Straße und ist HIV-positiv. Von den abgeheilten Geschlechtskrankheiten und den Verletzungen, die brutaler, intensiver Sex unter Einsatz von Betäubungsmitteln hinterlässt, möchte ich gar nicht sprechen. Er zahlte für die Enthemmtheit ohne gesunde Grenzen einen hohen Preis. Er hat nie gelernt, auf sich aufzupassen und dass er wichtig ist.
Heute verkauft Enrique seinen Körper, um überleben zu können, an Menschen, die genau wie er einmal von der Sehnsucht getrieben sind, so angenommen zu werden, wie sie sind. Er hat alles eingetauscht für das, was er Sehnsucht nannte. Heute hat er nicht mehr die Wahl, sich seine Sexpartner auszusuchen.
Als er dies erzählte, wurde ihm sein eigener Weg klar vor Augen geführt, in einem nüchternen Moment, ohne Drogen. Sein ganzer Körper bebte, er konnte sich kaum auf dem Stuhl halten, die Gesichtsmuskeln zuckten, und die Tränen flossen über sein schambesetztes Gesicht. Ich sah in das Gesicht eines kleinen Jungen, der um Hilfe flehte.
Enrique ist leider keine Ausnahme. Seine Geschichte ist, in unterschiedlichen Varianten, der Anfang vieler Menschen, die mit Chemsex hoffen, ihre Sehnsucht, endlich angenommen zu werden, zu stillen.
Was Enrique in jener Nacht erlebte, hat einen Namen in der Psychologie: Ich-Auflösung. Gemeint ist ein Zustand, in dem die gewohnten Grenzen des eigenen Ichs für eine Zeit lang verschwinden — und mit ihnen alle Glaubenssätze, die sich jemals in uns eingeprägt haben. Jede Regel. Jede Anpassung. Jede Stimme, die uns je gesagt hat, wer wir zu sein haben.
Für diese Stunden fühlt es sich an, als würde man neu geboren — frei von allem, was einen geformt hat. Genau das macht diesen Zustand so verlockend, und genau das macht ihn so gefährlich: Was sich wie Freiheit anfühlt, ist oft nur die vorübergehende Abwesenheit der eigenen Geschichte. Sie kehrt zurück, sobald der Rausch endet.
Die Einsamkeit beginnt meist lange vor dem ersten Konsum
Wenn du Chemsex verstehen willst, musst du oft viele Jahre vor den ersten Konsum zurückschauen.
Zu den Momenten, in denen du gelernt hast, dich anzupassen.
Dich zu verstecken.
Dich zurückzuhalten.
Nicht aufzufallen.
Nicht anzuecken.
Nicht zu fühlen, um nicht zu sterben.
Nicht zu viel zu sein.
Nicht zu wenig zu sein.
Vielleicht kennst du dieses tiefe Gefühl, anders zu sein.
Nicht wirklich dazuzugehören.
Du stehst mitten unter Menschen und fühlst dich trotzdem allein.
Du hast Kontakte, aber keine Verbundenheit.
Du hast Begegnungen, aber keine Nähe.
Du hast Sexualität, aber keine Intimität.
Du hast Erfolg, aber kein Zuhause in dir selbst.
Die Einsamkeit beginnt deshalb oft nicht erst nach dem Konsum.
Sie ist häufig schon lange vorher da.
Unsichtbar.
Still.
Und schmerzhaft.
So war es bei Enrique. Die Leere war schon lange da, bevor jene Nacht in Vauxhall kam.
Für wenige Stunden scheint alles gelöst
Dann kommt der Rausch.
Plötzlich fühlst du keine Angst mehr.
Plötzlich bist du mutig.
Attraktiv.
Lebendig.
Verbunden.
Willkommen.
Du musst nicht mehr überlegen.
Nicht mehr vorsichtig sein.
Nicht mehr kontrollieren.
Nicht mehr perfekt sein.
Für einige Stunden fühlt sich alles so an, wie du dir das Leben immer gewünscht hast.
Und genau das macht Chemsex so gefährlich.
Denn du erlebst nicht nur einen Drogenrausch.
Du erlebst die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht.
Zumindest scheint es so.
Enrique erinnert sich noch genau an jene erste Nacht — an die Hand auf seiner Schulter, an die Musik, die plötzlich nicht mehr wie Lärm klang, sondern wie ein Versprechen. Niemand hatte ihn je so angesehen. Niemand war je so nah gekommen, ohne etwas dafür zu verlangen. Sein Gehirn speicherte diesen Moment nicht als Risiko, das man besser nicht wiederholt. Es speicherte ihn als das eine Mal, in dem er nicht allein war.
Warum du immer wieder zurückkehrst
Von außen betrachtet fragen viele:
„Warum macht man das noch einmal?“
Die Antwort lautet oft:
Weil du dich an das Gefühl erinnerst.
Nicht an die Kopfschmerzen.
Nicht an die Erschöpfung.
Nicht an die Scham.
Nicht an die körperlichen Wunden, die vor dem nächsten intensiven Sex noch nicht verheilt sind.
Nicht an die Leere danach.
Dein Gehirn erinnert sich an die Euphorie.
An das Dazugehören.
An das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
Die Erinnerung an diese wenigen Stunden wird stärker als die Erinnerung an die Folgen.
Deshalb kehrst du nicht zur Droge zurück.
Du kehrst zur Hoffnung zurück.
Zur Hoffnung, dieses Gefühl noch einmal zu erleben.
Bei Enrique war das nicht anders. Jedes Mal, wenn der Montag näherrückte, wenn die Wohnung wieder zu still wurde, war diese eine Erinnerung da und wartete auf ihn — leiser als jede Vernunft, aber stärker. Es war kein Verlangen nach der Substanz. Es war das Versprechen, noch einmal das zu sein, was er sonst nie sein konnte: ohne Korrektur, ohne Kontrolle, einfach da.
Die Einsamkeit danach
Und dann endet das Wochenende.
Die Menschen gehen nach Hause.
Die Musik verstummt.
Die Nachrichten werden weniger.
Die Türen schließen sich.
Dein Körper ist erschöpft.
Dein Körper schmerzt.
Dein Kopf ist leer.
Und plötzlich taucht sie wieder auf.
Die Einsamkeit.
Manchmal stärker als zuvor.
Denn jetzt kommt etwas hinzu:
Die Erkenntnis, wie weit du dich von dir selbst entfernt hast.
Du spürst die Leere.
Und du bist klug genug, um zu erkennen, dass dich das auf Dauer nicht trägt. Dass dabei etwas verloren geht, das du eigentlich suchst.
Du verlierst dich in der Illusion von Nähe — und fühlst dich dabei doch nur anonym. Der Kreislauf geht nicht mehr auf: Je öfter du diese Stunden suchst, desto weiter entfernst du dich von dem, wonach du dich eigentlich sehnst.
Was du in diesen Stunden erlebst, ist nicht nur Gefühl. Es ist Chemie. Ein Vorschuss auf die Botenstoffe, die deinen Körper im gesunden Maß eigentlich versorgen sollten — Raubbau an dem, was eigentlich dein Gleichgewicht trägt. Dopamin, Oxytocin, Endorphine — Botenstoffe, die normalerweise in kleinen, fein dosierten Mengen für Nähe, Vertrauen und Freude sorgen, werden in einem Cocktail ausgeschüttet, den dein Gehirn in dieser Konzentration sonst nie erlebt. Das fühlt sich an wie das pure Leben. Aber es ist nur ein chemisch erzeugtes Übermaß, das dein Belohnungssystem überflutet. Danach wirkt der Alltag fahl, fast leblos im Vergleich — nicht weil mit ihm etwas nicht stimmt, sondern weil du Lebendigkeit mit einem Zustand verwechselt hast. Wenn wir in Balance sind und im guten Kontakt zu uns selbst, brauchen wir diesen Cocktail nicht.
Das macht Chemsex zu weit mehr als einem Stofflichkeitsproblem. Dein Leben ist im wahrsten Sinne toxisch geworden.
Bindung, Beziehung, Zugehörigkeit — all das hat in einer toxischen Lebensführung keinen Platz mehr.
Der Weg zur Eigenliebe, zur Sehnsucht, endlich angenommen zu sein, wird auf diesem Weg steiniger. Oft leidet die Selbstachtung gerade dort am meisten, wo die Sehnsucht am größten ist. Und doch bleibt immer die Möglichkeit, Eigenliebe und Selbstachtung zu erlernen, das eigene Potenzial wahrzunehmen und zu entfalten — hin zu einem selbstbestimmten Leben.
Enrique verlor zuerst die Arbeit — zu viele Montage, an denen er nicht erschien, zu viele Entschuldigungen, die niemand mehr glaubte. Dann die Wohnung, die er sich nicht mehr leisten konnte. Irgendwann ging Enrique nicht mehr an sein Telefon, aus Scham und Sprachlosigkeit zu dem, was geschah, und die wenigen sozialen Kontakte, die er noch hatte, verkümmerten. Was am Ende blieb, war ein Mann auf der Straße, der sich genauso einsam fühlte wie der Banker mit Themseblick. Nur jetzt ohne Wohnung. Ohne Job. Und ohne die Fassade, die diese Einsamkeit einmal verdeckt hatte.
Heilung beginnt dort, wo Verständnis beginnt
Du veränderst dich selten durch Beschämung.
Du veränderst dich durch Verstehen.
Wenn du dich selbst als Versager siehst, siehst du nur die Oberfläche — und drückst dich dabei selbst weiter nach unten.
Der entscheidende und mutige Moment beginnt mit Klarheit, wenn du beginnst zu fragen:
„Was habe ich dort gesucht?“
„Welche Sehnsucht wollte erfüllt werden?“
„Wovor hatte ich Angst?“
Dann kommst du an den eigentlichen Kern und kannst vielleicht den traurigen Verlauf sehen — und erkennen, dass du nicht schuld bist. Es geht nicht um Schuld, oder darum, was deine Eltern dir nicht vermitteln konnten. Sie haben immer ihr Bestes gegeben. Das ist sehr wichtig anzuerkennen. Und doch darf die Not endlich Raum einnehmen.
Jetzt gibt es Raum für Veränderung.
Nicht durch Verurteilung und Härte, sondern durch Verstehen und dadurch, dich selbst ehrlich anzunehmen.
Durch Trauern — um das, was war, und um das, was hätte sein können, hätten wir früher gesehen, wie wunderbar wir sind. Die vergangene Zeit, die verlorenen, einsamen Tage haben Spuren hinterlassen. Aber Beziehung kann in einem neuen Licht gesehen werden, und daraus kann Heilung entstehen. Wir brauchen Zeit für uns selbst. Und wir machen neue Erfahrungen mit Menschen, die bleiben und uns wirklich sehen.
Durch die Erkenntnis:
Ich muss mich nicht betäuben, um liebenswert zu sein.
Ich muss mich nicht berauschen, um dazuzugehören.
Ich muss mich nicht verlieren, um Nähe zu erleben.
Ich muss nicht stark sein. Ich kann Hilfe in meinem Leben annehmen, ohne mich schuldig zu fühlen. Ich bin willkommen und erwünscht.
Enriques Geschichte ist noch nicht zu Ende. In diesem Moment auf dem Stuhl, als er klar aussprach, was seine Geschichte ist, sah ich in seinen Augen die Kraft, alles zu verändern. Wenn wir anfangen zu sprechen und unsere Geschichte wahr wird und wir sie teilen, entsteht Heilung. Ich glaube daran, dass Enrique als intelligenter Mensch wieder den Kontakt zu seinen Gefühlen herstellen und halten kann. Er kann wieder aufstehen, stärker als zuvor. Sein Weg war nicht umsonst. Er hat viel gelernt und wird es weitergeben. Er ist noch jung.
An alle, die einen ähnlichen Weg wie Enrique gehen, oder die gerade erst am Anfang dieses Weges stehen: Lasst Enrique diesen Weg nicht umsonst gegangen sein. Dreht ihm zu Ehren um. Arbeitet an euch. Sucht euch Hilfe, einen geschützten Raum. Verschwindet nicht in der Anonymität oder in toxischen Räumen.
Das Leben erscheint uns nicht immer einfach. Manchmal übersehen wir Optionen, die wir eigentlich haben — oder wir haben in unserem Zuhause nie gelernt, was Liebe und Bindung wirklich bedeuten. Dann kläre das mit professioneller Hilfe und sortiere deine Gefühle. Gefühle sind unser Kompass. Vertrau dir an dieser Stelle: Du hast sehr viele liebenswerte Seiten, auch wenn dir das zuvor niemand gesagt hat.
Chemsex – ein wachsendes gesellschaftliches Thema
Chemsex ist kein Randphänomen mehr. Internationale Studien zeigen, dass der Konsum von Substanzen zur Intensivierung sexueller Erfahrungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat — und dass die Folgen weit über den Moment des Rausches hinausreichen.
Eine 2024 veröffentlichte internationale Übersichtsarbeit mit mehr als 380.000 Teilnehmenden ergab, dass etwa 22 % der Männer, die Sex mit Männern haben, bereits Erfahrungen mit Chemsex gemacht haben — in europäischen Großstädten liegen die Zahlen teils deutlich höher.
Chemsex ist jedoch kein rein homosexuelles Phänomen. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit fand eine gepoolte Prävalenz von sexualisiertem Substanzgebrauch und Chemsex von rund 20 % in der Allgemeinbevölkerung und etwa 16 % bei Frauen. Auch wenn Studien zu heterosexuellen Klinikpopulationen meist niedrigere Werte zeigen als bei MSM, bestätigen sie eines klar: Die Sehnsucht, die Chemsex antreibt, kennt kein Geschlecht und keine sexuelle Orientierung. Sie betrifft Männer und Frauen, homo- wie heterosexuell.
Ein Drittel bis die Hälfte der Konsumierenden wünschen sich eine Veränderung ihres Konsumverhaltens.
Die Forschung zeigt zudem, dass Chemsex mit erheblichen gesundheitlichen und psychosozialen Risiken einhergeht: einem erhöhten Risiko für HIV- und Hepatitis-C-Infektionen, einer höheren Zahl ungeschützter sexueller Kontakte — und einer signifikant höheren Belastung durch Depression, Angst und Somatisierung im Vergleich zu Menschen ohne Chemsex-Erfahrung.
Diese Zahlen machen deutlich: Der Preis wird selten während des Rausches bezahlt. Er wird danach bezahlt. In der Gesundheit. In Beziehungen. Und oft im Verhältnis zu sich selbst.
Und doch zeigen selbst diese Zahlen nur einen Ausschnitt. Die Dunkelziffer im Substanzgebrauch liegt nach Einschätzung von Fachleuten um ein Vielfaches höher, weil Scham, Angst vor Stigmatisierung und die Illegalität vieler Substanzen dazu führen, dass die meisten Betroffenen in keiner Statistik je auftauchen. Was sich hier in Prozentzahlen fassen lässt, ist nur ein kleiner, sichtbarer Ausschnitt einer sehr viel größeren menschlichen Sehnsucht — einer Sehnsucht, die sich nicht erheben lässt, weil sie sich meist im Verborgenen abspielt.
Enrique hat bezahlt, lange bevor er zu einer Statistik wurde.
Chemsex (aus „Chemicals“ und „Sex“) bezeichnet den gezielten Konsum psychoaktiver Substanzen vor oder während sexueller Begegnungen, um das Empfinden zu intensivieren, Hemmungen abzubauen und die Ausdauer zu steigern. Am häufigsten verwendet werden GHB/GBL („G“), Mephedron („Meph“), Crystal Meth („Tina“) sowie Ketamin, Kokain oder MDMA.
Die größten Risiken: ein hohes Abhängigkeitspotenzial, vor allem bei Crystal Meth und GHB; die Gefahr einer GHB-Überdosierung, da der Grat zwischen erwünschter Wirkung und lebensbedrohlichem Bewusstseinsverlust extrem schmal ist; ein erhöhtes Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen durch Kontrollverlust und seltenere Verhütung; sowie psychische Krisen durch Schlafentzug, Dehydration und die Belastung des Nervensystems.
Hilfe finden: Die Deutsche Aidshilfe bietet bundesweite Beratung und vermittelt diskrete, wohnortnahe Anlaufstellen. Auch schwullesbische Beratungsstellen und queere Zentren bieten häufig spezialisierte Peer-Beratung und Suchttherapie an.
Chemsex lässt sich nicht verstehen, wenn du nur auf die Substanz schaust.
Hinter dem Konsum liegt fast immer eine Geschichte — von Anpassung, von Einsamkeit, von der Sehnsucht, endlich dazuzugehören.
Diese Sehnsucht ist nicht Enriques Schwäche. Sie ist eine Folge seiner Lebensgeschichte. Enriques Weg zeigt, wohin diese Geschichte führen kann, wenn wir nicht bemerken, was uns fehlt. Es wird leider auch heute noch oft belächelt, wenn Menschen Hilfsangebote annehmen. Dabei sollten wir es mittlerweile besser wissen und bereits in Schulen Aufklärung betreiben, statt wegzuschauen. Wir alle sind Teil der Gesellschaft, und jeder kann seinen Beitrag leisten.
Wer sie ernst nimmt, statt sie zu beschämen, öffnet den Raum, in dem echte Veränderung möglich wird. Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, oder jemanden kennst, der dir bei diesem Artikel einfällt, zögere nicht, Hilfe anzubieten oder Hilfe anzunehmen. Mach dich auf einen Weg. Das ist Stärke, keine Schwäche.
Quellen: Ahmed et al. (2024), systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur Chemsex-Prävalenz bei MSM (n = 380.505), ScienceDirect · German Chemsex Survey, Deutscher Suchtkongress & Schmidt et al. · Schweizer HIV-Kohortenstudie (SHCS) zu Substanzgebrauch und Komorbiditäten bei MSM · Ramazanova et al. (2025), systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur Prävalenz von sexualisiertem Substanzgebrauch und Chemsex in der Allgemeinbevölkerung und bei Frauen, Healthcare (Basel).