Vorschau: Der normale Sadismus in der Paarbeziehung

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Der normale Sadismus in der Paarbeziehung

Der normale Sadismus in der Paarbeziehung

Sie sitzen nebeneinander, nach über zwanzig Jahren Ehe, in einem fremden Raum, drei Tage hintereinander, jeweils drei Stunden. Der Mann eröffnet mit trockenem Humor: „Unsere Beziehung ist gut, und wir wollen, dass sie noch besser wird.“ Ein Satz wie eine Verbeugung – höflich, sicher, aufgeräumt, mutig.

Es dauert nicht lange, bis darunter etwas anderes sichtbar wird.

Jil erzählt, dass sie all die Jahre nie den ersten Schritt gewagt hat. Dass sie sich in ihren Gedanken verliert, wenn sie miteinander schlafen, weil das leichter ist als da zu sein. Leichter als den Sex aktiv mitzugestalten, sich zu zeigen mit ihrer Lust – was sie sich nie getraut hat. Dass sie sich manchmal wünscht, sich einfach nur mit ein paar Strapsen vor ihn hinzustellen – und es nie tut. Nicht, weil sie keine Lust hat, sondern weil sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlt, sich nicht schön empfindet und so ein Verführungsversuch scheitern könnte und sie das nicht aushalten könnte, wenn er sie nicht nimmt. Die Scham und die Pein wären nicht aushaltbar. Wie könnte sie ihm danach begegnen, wo sich verstecken …

Er hört zu. Und dann sagt er, mit einem Anflug von Selbstironie, der die Verletzung kaum verdeckt: „Na toll. Du sagst, du hast kein Verlangen und hältst mit deiner erotischen Fantasie hinterm Berg. Mein Verlangen dagegen nimmt ab, und ich wünschte, ich hätte etwas zu verbergen.“

Ein Satz, mit dem er eigentlich nur sagen wollte: Ich fühle mich auch unsicher, und es ist so anstrengend, immer die Führung zu übernehmen. Was ankommt, ist etwas anderes: Du bist mir wieder einen Schritt voraus. Sie berührt seine Hand, um ihm Mut zu machen und ihm zu zeigen: Ich verstehe dich, ich sehe dich, sorry, ich konnte nicht anders, es hat nichts mit dir zu tun. Als sein Gesicht sich verdunkelt, zieht sie ihre Hand beschämt zurück.

Zwei Menschen, die sich zwanzig Jahre lang nicht verlassen haben. Die einander noch immer wichtig sind. Die sich in diesem einen Satz trotzdem wehtun – beiläufig, ungewollt, fast reflexhaft.

Das ist keine kaputte Beziehung. Das ist eine ziemlich gewöhnliche Beziehung in der Paarlandschaft. Ungewöhnlich und erfreulich ist, dass sie sich so vertrauen, sich einander zu öffnen – mit dem Risiko, sich dabei erst noch einmal weiter zu verletzen –, um dann gemeinsam zu wachsen, im besten Fall zu heilen und eine beglückende Beziehung weiterzuführen: auf Augenhöhe und ohne Scham in Vertrauen sein zu dürfen.

Die glücklichste Frau ist die, die niemanden braucht?

Vor einiger Zeit ging eine These durch die Medien, die seither immer wieder auftaucht, weil sie einen Nerv trifft: Der Verhaltensökonom Paul Dolan von der London School of Economics erklärte bei einem Auftritt auf dem Hay Festival, die gesündeste und glücklichste Bevölkerungsgruppe seien Frauen, die nie geheiratet und keine Kinder bekommen haben. Seine These, gestützt auf Daten aus der American Time Use Survey: Männer profitieren im Schnitt von der Ehe, weil sie im Anschluss risikoärmer leben, mehr verdienen und länger leben. Frauen dagegen, so Dolan, tragen historisch den größeren Teil der emotionalen und häuslichen Last – bei verheirateten Frauen mittleren Alters fand er sogar ein erhöhtes Risiko für psychische und körperliche Beschwerden im Vergleich zu ihren unverheirateten Altersgenossinnen.

Der Satz elektrisierte – und er wurde ziemlich schnell auch wieder eingefangen. Der Wirtschaftsjournalist Tim Harford, der zufällig auf demselben Festival auftrat, machte in seiner Sendung „More or Less“ auf einen entscheidenden methodischen Haken aufmerksam: Ein Großteil der zitierten Unterschiede stammt aus Querschnittsdaten, die Korrelation und Kausalität kaum sauber trennen können. Wer schon unglücklich, krank oder unzufrieden ist, heiratet im Schnitt seltener oder später – das würde bedeuten, nicht die Ehe macht unglücklich, sondern schon vorher weniger glückliche Menschen heiraten seltener. Die steile These von der glücklichen, kinderlosen Single-Frau ist also weniger eine gesicherte wissenschaftliche Tatsache als eine griffige Zuspitzung, die einen wunden Punkt trifft.

Und genau da wird sie interessant. Denn dahinter steht eine Frage, die viele in sich tragen, ohne sie auszusprechen: dass Bindung etwas kostet. Dass eine Beziehung Autonomie beschneidet. Dass man, sobald man sich an jemanden bindet, einen Teil seiner Ungestörtheit hergibt – und dafür Konflikte, Kompromisse, Verletzungen in Kauf nimmt, die man allein nie hätte.

Das ist nicht falsch. Es ist nur die halbe Geschichte.

Denn die Frage, die hinter der Dolan-These eigentlich steht, lautet: Ist es das wert? Lohnt sich der Verzicht auf einen Teil der eigenen Unabhängigkeit für das, was eine Paarbeziehung dafür zurückgibt? Diese Frage lässt sich nicht mit einer Statistik beantworten, weil sie von etwas abhängt, das jede Umfrage nur schwer erfasst: davon, was in einer Beziehung eigentlich passiert, wenn sie gut geführt wird.

Mir stellt sich therapeutisch noch eine weitere Frage: Schaffe ich es, autonom neben meinem Partner leben zu können? Hält mein Nervensystem es aus, bei mir zu bleiben, wenn ich Nein zu einem Wunsch meines Partners sage – oder verurteile ich mich dafür? Erlaubt mir mein Partner, dass ich bei mir bleibe, ist sein Nervenkostüm so stark, dass es aushält, vermeintlich abgewiesen zu werden und einen unerfüllten Wunsch auszuhalten?

Kann es auf diese Fragen eine einheitliche Antwort geben? Ich würde sagen: nein. Das Paar selbst bestimmt die Möglichkeiten.

Nicht die Tatsache der Bindung macht unglücklich oder glücklich. Es ist die Qualität dessen, was zwei Menschen daraus machen.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt übrigens, wie sehr sich das Bild von der Ehe in Deutschland ohnehin schon verändert hat, unabhängig von jeder Glücksforschung. Auch die Zahl der Eheschließungen geht zurück. Bemerkenswert: Neun von zehn Scheidungsanträgen werden mit Zustimmung des anderen Ehepartners gestellt – die meisten Trennungen sind also keine erbitterten Rosenkriege, sondern gemeinsam getragene Entscheidungen. Und die vielzitierte Faustregel „jede zweite Ehe wird geschieden“ stimmt so pauschal nicht:

129.300
Ehescheidungen 2024 in Deutschland – einer der niedrigsten Werte seit der Wiedervereinigung
28 %
zusammengefasste Scheidungsziffer 2024
14 J. 8 M.
durchschnittliche Ehedauer geschiedener Paare

Quelle: Statistisches Bundesamt, Eheschließungen und -scheidungen 2024

Was Paare am Ende auseinanderbringt, ist selten das große Drama. Eine große deutsche Trennungsstudie unter mehreren tausend Befragten fand als häufigste Gründe für ein Beziehungsende Untreue, dicht gefolgt von Kommunikationsproblemen – wobei Frauen fast jeden abgefragten Trennungsgrund stärker gewichteten als Männer. Kommunikation, nicht Katastrophe, ist meistens die eigentliche Bruchstelle. Und genau davon handelt dieser Text.

Das zeigt das eigentliche Spannungsfeld: Potenzial einer Beziehung versus Autonomie und das Ideal des „glücklichen Singles“. Meist schränken sich einer oder beide zu stark ein. Nicht selten existiert ein Rollenverständnis, das in der Kindheit gelernt wurde und vielleicht schon über viele Generationen weitergegeben wurde. Es fehlt oft der Gedanke und das Verständnis, wie diese alten Überlieferungen überwunden werden können. Wer den Eltern zu treu ist, wird nie seine Autonomie und sein Potenzial entfalten können. Er bleibt an den Grenzen der Eltern stehen, was sie in ihrer Beziehung gelebt und erreicht haben. So entsteht ein Bruch zwischen den Rollenbildern des 19. und 20. Jahrhunderts, die über Generationen weitergegeben wurden, und den Möglichkeiten der eigenen Entwicklung. Wer an dieser Grenze steht, hat oft nur die Wahl: trennen oder aushalten und bleiben. Denn Therapie funktioniert nur, wenn beide gewillt sind, neue Rollenbilder zuzulassen – oder gewillt sind, aufzugeben und neugierig darauf zu sein, wer sie wirklich sind, und ihr Potenzial mit allen widrigen Gedanken zu heben.

Der normale Sadismus

Der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch (1946–2020) hat für dieses Phänomen einen Begriff geprägt, der beim ersten Hören irritiert: den normalen Sadismus in der Paarbeziehung. Er meint damit nichts Pathologisches, keine Grausamkeit, keine Absicht zu schaden. Er meint etwas viel Alltäglicheres und gerade deshalb Schwerer-zu-Fassendes.

Wenn zwei Menschen sich wirklich nahekommen, zeigen sie einander mit der Zeit, was sie verletzlich macht. Nicht strategisch, sondern einfach, weil Nähe das mit sich bringt. Man lernt, wo der andere unsicher ist, wo die alten Wunden liegen, welches Wort trifft und welches an einem abprallt. Dieses Wissen ist im besten Fall die Grundlage für Zärtlichkeit. Es ist im Alltag aber auch verfügbar für das Gegenteil – meistens, ohne dass jemand das bewusst so wollte.

Ein Satz, der eigentlich nur die eigene Erschöpfung ausdrücken sollte, trifft den anderen an seiner empfindlichsten Stelle. Eine Bemerkung über das Aussehen, beiläufig gemeint, setzt sich fest. Eine Formulierung wie „wenn du mich wirklich lieben würdest, dann würdest du doch…“ macht aus einem Wunsch eine Prüfung, die der andere nur verlieren kann. Niemand plant das am Frühstückstisch. Es passiert einfach, weil man sich kennt – und weil genau dieses Kennen zur Waffe werden kann, sobald man selbst unter Druck steht.

Wie viel an diesen kleinen, unbedachten Verletzungen hängt, hat der amerikanische Paarforscher John Gottman über Jahrzehnte in seinem „Love Lab“ untersucht, indem er Paare beim Streiten beobachtete und ihre Kommunikation kodierte. Vier Muster identifizierte er als besonders zerstörerisch: Kritik, die sich gegen die Person statt gegen ein konkretes Verhalten richtet; Verachtung, ausgedrückt in Sarkasmus, Augenrollen oder Spott; Abwehr, also das reflexhafte Sich-Verteidigen statt Zuhören; und Mauern, der komplette Rückzug aus dem Gespräch. Er nannte sie die „vier apokalyptischen Reiter“.

Verachtung, so Gottmans Auswertung gemeinsam mit dem Psychologen Robert Levenson, erwies sich dabei als der stärkste einzelne Prädiktor für eine spätere Trennung – und in seinen Langzeitstudien konnte er anhand dieser Muster vorhersagen, welche Paare sich trennen würden, mit einer bemerkenswert hohen Trefferquote:

> 90 %
Trefferquote in Gottmans Langzeitstudien bei der Vorhersage von Trennungen
82 %
Trennungswahrscheinlichkeit, wenn alle vier „apokalyptischen Reiter“ gleichzeitig präsent sind

Quelle: John Gottman & Robert Levenson, „Love Lab“-Langzeitstudien

Man kann über die genaue Höhe solcher Prozentzahlen streiten – Vorhersagemodelle aus dem Labor lassen sich nicht eins zu eins auf jede Beziehung übertragen, und Gottmans Methodik wurde in der Fachwelt auch kontrovers diskutiert.

Es ist nicht der einzelne verletzende Satz, der eine Beziehung zerstört. Es ist das Muster, das sich daraus entwickelt, wenn niemand es unterbricht.

Schnarch beschreibt, wie sich aus solchen Mustern Teufelskreise entwickeln können. Ein Paar, in dem der eine mehr Nähe sucht als der andere. Der eine drängt, der andere weicht aus – und je mehr gedrängt wird, desto mehr Rückzug, und je mehr Rückzug, desto mehr Drängen. Beide sind am Ende erschöpft und einsam, mitten in ihrer eigenen Beziehung. Nicht weil sie einander nicht mehr lieben, sondern weil sich ein Muster verselbstständigt hat, das keiner von beiden begonnen hat und das trotzdem beide am Laufen halten.

In der Forschung heißt dieses Muster demand-withdraw, Forderung und Rückzug, und es gehört zu den am gründlichsten untersuchten Dynamiken der Paarforschung überhaupt. Der Psychologe Andrew Christensen prägte den Begriff in den 1980er- und 90er-Jahren gemeinsam mit Kollegen: Eine Person kritisiert, mahnt an, drängt auf Veränderung – die andere weicht aus, schweigt, verteidigt sich oder verlässt das Gespräch. Eine spätere Metaanalyse über vierzehn Studien bestätigte, was Therapeut:innen längst aus der Praxis kannten: Je stärker dieses Muster ausgeprägt ist, desto niedriger die Beziehungszufriedenheit – der Zusammenhang gehört zu den robustesten der gesamten Paarforschung. Interessant ist dabei die Erklärung, die sich in der neueren Forschung durchgesetzt hat: Es ist nicht in erster Linie eine Frage des Charakters, wer fordert und wer sich zurückzieht. Es ist meistens eine Frage der Position. Wer mit dem Status quo unzufrieden ist, wird eher zur fordernden Stimme. Wer vom Status quo profitiert oder ihn zumindest für erträglicher hält, hat wenig Anreiz, ein unbequemes Gespräch zu beginnen – und zieht sich eher zurück. Ältere Studien fanden zudem ein Gender-Muster: Frauen tendierten häufiger zur fordernden, Männer häufiger zur zurückweichenden Rolle, wobei neuere Forschung diese Zuschreibung differenzierter betrachtet und stärker auf die jeweilige Machtposition und das jeweilige Anliegen in der Beziehung schaut als auf das Geschlecht allein.

Der normale Sadismus setzt keine schlechten Partner voraus. Er setzt nur Nähe voraus.

Wer sich öffnet, macht sich angreifbar – für den anderen und, das wird oft übersehen, für sich selbst. Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob der Partner uns manchmal verletzt. Er wird es tun, so wie wir ihn verletzen werden. Die Frage ist, was wir mit dieser Unvermeidlichkeit machen.

Was Differenzierung bedeutet

Schnarchs zentraler Begriff dafür heißt Differenzierung – ein sperriges Wort für etwas sehr Konkretes: die Fähigkeit, bei sich selbst zu bleiben, während man einem anderen Menschen nahe ist. Ruhig zu bleiben, auch wenn der Partner enttäuscht, ärgerlich oder verletzt reagiert. Die eigene Position zu halten, ohne den anderen dafür zu bestrafen, dass er sie nicht teilt. Schnarch selbst hat es einmal so zusammengefasst: Differenzierung sei die Fähigkeit, im direkten Kontakt zu anderen buchstäblich und im übertragenen Sinn auf den eigenen Füßen zu stehen.

Das Konzept stammt ursprünglich nicht von Schnarch, sondern geht auf Murray Bowen zurück, einen der Begründer der systemischen Familientherapie, und wurde von Schnarch und später auch von Ellyn Bader für die Paartherapie vertieft. Empirisch ist es inzwischen recht gut untersucht:

428
Personen in heterosexuellen Beziehungen befragt

Quelle: Portugiesische Studie zum Zusammenhang von Differenzierung, Verlangen und Beziehungszufriedenheit

Ein höherer Differenzierungsgrad geht demnach tatsächlich mit größerer Beziehungszufriedenheit einher – vermittelt über sexuelles Verlangen und Intimität. Wer sich selbst besser halten kann, begehrt demnach eher aus freien Stücken statt aus Bedürftigkeit, und dieses freiere Begehren nährt wiederum Nähe und Zufriedenheit. Interessant war dabei ein Unterschied zwischen den Geschlechtern: Bei Frauen zeigte sich dieser Weg über Verlangen und Intimität klar, bei Männern lief der Mechanismus etwas anders. Andere Untersuchungen zu Schnarchs sogenanntem Crucible-Ansatz insgesamt fallen gemischter aus – es gibt bislang vergleichsweise wenige kontrollierte Studien dazu, und einige Forscher:innen mahnen mehr Vorsicht bei der Wirksamkeitsfrage an, auch wenn die klinische Erfahrung vieler Paartherapeut:innen die Grundidee stützt.

Das ändert nichts daran, wie einleuchtend das Konzept im Praxisalltag ist. Die meisten von uns haben gelernt, Nähe und Zustimmung zu verwechseln. Wenn der Partner mit dem, was wir sagen oder wollen, nicht einverstanden ist, fühlt sich das schnell an wie ein Beziehungsproblem – dabei ist es oft nur das: eine andere Meinung, ein anderes Bedürfnis, ein anderer Mensch. Wer Differenzierung entwickelt hat, kann aushalten, dass der Partner nicht alles an einem gutheißt und trotzdem bleibt. Dass Kritik nicht gleich Liebesentzug bedeutet. Dass man selbst nicht jeden Wunsch des anderen erfüllen muss, um geliebt zu werden.

Ohne diese Fähigkeit entsteht das, was in vielen Beziehungen als „Harmonie“ verkleidet ist, aber eigentlich Selbstaufgabe ist: Man passt sich an, glättet, vermeidet alles, was trennen könnte – aus Angst, sonst nicht mehr geliebt zu werden, aus mangelnden Optionen. Auf Dauer rächt sich das. Wer sich ständig verbiegt, verliert irgendwann die Lust, überhaupt noch nah zu sein, weil Nähe sich nach Aufgabe des eigenen Selbst anfühlt.

Genau das beschreibt Schnarch bei dem Paar aus seiner Praxis: Jahrzehntelang hatte die Frau ihre Wünsche zurückgehalten, aus Sorge, den Mann zu enttäuschen oder ihn mit zu viel Verlangen zu überfordern. Erst als sie anfing, offen über ihre Fantasien, ihre Scham, ihre eigene Ablehnung ihres Körpers zu sprechen, kam wieder Bewegung in etwas, das lange erstarrt war. Aber es entsteht auch Wut darüber, warum sich einer ständig so bemüht und der andere abwesend ist, weil er nie gelernt hat, über seine Gefühle zu sprechen, und glaubt, irgendwie funktioniert es trotzdem.

Differenzierung bedeutet nicht, kühler oder distanzierter zu werden. Es bedeutet das Gegenteil: näher heranzugehen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Eine Beziehung, sagt Schnarch sinngemäß, ist eine „Menschen-wachsen-lassen-Maschine“ – aber nur, wenn beide bereit sind, sich von ihr fordern zu lassen. Nur stellt uns niemand bewusst diese Frage am Anfang einer Beziehung.

Wie ein Satz zur Waffe wird – und wie er es nicht sein muss

In der Paararbeit erlebe ich fast täglich, wie viel Schaden durch Formulierungen entsteht, die eigentlich niemand böse gemeint hat. Ein Satz wie „Du hörst mir nie zu“ ist ein Vorwurf, gegen den es keine Verteidigung gibt, außer Gegenangriff oder Rückzug. Derselbe Kern, anders gesagt – „Ich habe gerade das Gefühl, nicht bei dir anzukommen, dass du mich gerade nicht hören kannst – was kam da gerade bei dir an?“ – öffnet einen Raum, in den der andere hineingehen kann, statt sich verteidigen zu müssen.

Der Unterschied liegt selten im Inhalt. Er liegt in der Form.

Verallgemeinerungen wie „immer“ und „nie“ machen aus einem Moment ein Urteil über die ganze Person – genau die Übersetzung, die Gottman meinte, wenn er beschrieb, wie aus einer konkreten Beschwerde eine Kritik am Charakter wird, sobald man ihr im Kopf den Satz „was ist eigentlich los mit dir?“ hinzufügt. Ich-Botschaften erlauben es dagegen, ein Erleben mitzuteilen, ohne dem anderen die Schuld daran zuzuschieben – mit sich selbst in Kontakt zu sein und dies angstfrei ausdrücken zu können, anstatt über den anderen vermeintlich zu urteilen: Ich kann bei mir bleiben und bei meinem Bedürfnis. Das ist keine Kommunikationstechnik im Sinne eines Tricks. Es zeigt sich darin, ob man mit sich selbst in Kontakt ist, die Worte findet, um sich auszudrücken, und sich traut, seine Haltung zu bewahren – ohne Angst vor Bestrafung oder Ablehnung. Wenn wir unsere Eigenliebe gefunden haben und ok mit uns sind, müssen wir nicht mehr alt gewohnte, verdeckte Vorwürfe machen, die weder zielführend noch sachgemäß sind, sondern können ausdrücken, worum es uns eigentlich geht, egal wie der andere zu der Situation steht.

Ein Beispiel aus meiner Praxis zeigt das gut. Ein Paar streitet über die Einrichtung des Wohnzimmers. Die Frau findet einen gelben Sessel schick, der Mann möchte lieber einen grünen. Sie kann Grün nicht leiden, er kann sich mit Gelb nicht anfreunden – an dieser Stelle kommen die beiden einfach nicht zusammen. Am Ende wird gar kein Sessel gekauft. Das ist eine saubere Lösung: Keiner muss etwas aushalten oder in seiner eigenen Wohnung mit Möbeln leben, die er nicht mag, aber täglich ansehen muss. Das ist Verständnis und Toleranz. Eine Freundin hat es mir einmal so gesagt: Dann spielt es das eben gerade nicht.

Ein Großteil dessen, was sich in Paaren wie ein tiefer Konflikt anfühlt, ist bei genauerem Hinsehen gar keiner. Es ist eine nicht gelernte Ausdrucksform, die auf eine wunde Stelle trifft. Wenn man das gemeinsam entwirren kann – wenn beide bereit sind zu fragen: Was wolltest du eigentlich sagen, bevor es bei mir als Angriff ankam? –, verändert sich die Dynamik oft schneller, als man denkt. Nicht, weil das Problem verschwindet, sondern weil sichtbar wird, dass es gar nicht das Problem war, das man dachte. Sondern weil die meisten Menschen nie Paarkommunikation gelernt haben. Oft höre ich: „Mir fehlen die Worte“ – und genau das ist bereits das richtige Verständnis für die Lösung. Worte können wir nachlernen und lernen, das auszudrücken, was wir sagen möchten.

Das setzt allerdings etwas voraus, das mit Differenzierung eng zusammenhängt: die Bereitschaft, den ersten Impuls – Verteidigung, Gegenangriff, Rückzug – kurz zu unterbrechen. Nicht zu unterdrücken, sondern zu pausieren, lange genug, um zu merken, was wirklich gemeint war. Genau dieses Innehalten ist es auch, das die Forderung-Rückzug-Spirale unterbrechen kann, von der oben die Rede war: In dem Moment, in dem die eine Seite aufhört zu drängen und die andere aufhört zu flüchten, verändert sich die Dynamik für beide gleichzeitig – niemand muss dafür allein die Verantwortung tragen. Das ist die eigentliche „Arbeit“, von der so oft die Rede ist, wenn Paare sagen, eine gute Beziehung sei kein Selbstläufer. Es ist eine sehr kleine, sehr wiederholte Arbeit – Satz für Satz, Moment für Moment –, die aber auch zum Ausdruck bringt, wie wichtig der andere für einen ist, und einen Raum schafft, in dem sich das Paar begegnen kann.

Kein Zufallsprodukt

Die Vorstellung, eine erfüllte Beziehung sei etwas, das einem entweder zufällt oder eben nicht – dass man den „richtigen“ Partner findet oder ihn verpasst –, hält sich hartnäckig, obwohl kaum etwas mehr widerspricht als die tägliche Praxis in der Paartherapie. Es gibt keine Beziehung von der Stange. Auch die glücklichsten, stabilsten Paare, die mir begegnen, haben keine mühelose Beziehung, im Gegenteil. Sie haben eine, in der beide bereit waren, wiederholt unbequem zu werden, zu arbeiten, auszuhalten – für sich selbst und füreinander, für das Ja zu der Beziehung.

Das bedeutet auch: Eine Beziehung muss nicht bedeuten, dass der Partner alles an einem liebt. Das ist vielleicht die größte Erleichterung, die aus Schnarchs Denken folgt. Man muss nicht vollständig verstanden, in jedem Punkt bestätigt oder für jede Facette geliebt werden, um in einer Beziehung sicher zu sein. Man muss wissen, wer man ist – und aushalten können, dass der Partner manchmal anderer Meinung ist, andere Bedürfnisse hat, einen an Stellen nicht versteht, die einem wichtig sind. Kurz: Man braucht seine Eigenliebe, um stehen zu bleiben, wenn der Wind durch die Beziehung pfeift. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Beziehung, die auf Verschmelzung aus ist, und einer, die auf echter Nähe zwischen zwei eigenständigen Menschen beruht.

Manche Beziehungen sind, ehrlich betrachtet, ein Arrangement auf hohem Niveau, eine Unterdrückung eigener erwachsener Gefühle, ein Käfig aus der Kindheit, in der wir uns Liebe und Geliebtsein wünschten und Braversein nicht ausreichte, um das zu bekommen. Eine Beziehung, in der zwei Menschen sich entschieden haben, gemeinsam zu wachsen, obwohl – oder gerade weil – es nicht immer leicht ist, ist selten von Anfang an bewusst gewählt. In jüngeren Jahren steht am Anfang meist die Verliebtheit, die Illusion und die Hoffnung, das werde schon laufen mit Geduld und Durchhalten. Paarkommunikation und Eigenliebe sind vielleicht ihre reifste Form von Liebe und Romantik – und für viele Menschen erst in ihrer zweiten Lebenshälfte erlernbar und verständlich. Je nachdem, welchem Familienmodell wir entsprungen sind. Je schlechter die Elternbeziehung, desto mehr dürfen wir lernen.

Wenn es sich anfühlt wie das Ende

Viele Paare kommen in die Therapie, wenn sie glauben, am Ende ihres Weges zu sein. Wenn sich die immer gleichen Verletzungen so oft wiederholt haben, dass Erschöpfung die vorherrschende Empfindung ist. Wenn die Frage im Raum steht, ob es überhaupt noch etwas zu retten gibt, fällt nicht selten auch der Satz: Aber Trennung ist keine Option, wir wollen zusammenbleiben.

Das ist verständlich – und fast immer eine Fehleinschätzung der Situation. Was sich wie ein Endpunkt anfühlt, ist häufiger ein Schwellenmoment. Nicht, weil jede Beziehung gerettet werden muss oder kann – dafür muss die Bereitschaft vorhanden sein, sich zu verändern und eine scheinbar sichere Rolle oder Position in der Beziehung zu verändern –, sondern weil genau die Reibung, die am meisten schmerzt, oft die Stelle markiert, an der beide am dringendsten gefordert sind zu wachsen. Und an der, wenn sie es tun, etwas Neues beginnen kann, das es vorher nicht gab. Das macht vielen Paaren Angst, und sie biegen nicht selten in alt gewohnte Sackgassen ab, die aber kein Leben mehr in sich haben. Lange Beziehungen versanden in Verantwortung und Verlässlichkeit. Die Lust und Neugier bleiben auf der Stelle stehen, ein Sterben auf Raten, das wir selbst aus Angst vor Veränderung wählen. Verständlich aus Sicht unseres Nervensystems, das Ruhe und scheinbare Sicherheit bevorzugt.

Das Paar aus Schnarchs Buch, das nach über zwanzig Jahren scheinbar festgefahrener Muster in die Therapie kommt, verlässt die letzte Sitzung nicht mit dem Gefühl, gescheitert zu sein. Die Frau spricht von neuen Perspektiven. Nicht, weil alles plötzlich leicht geworden wäre. Sondern weil beide angefangen haben, einander – und sich selbst – etwas ehrlicher zu begegnen.

Das ist die eigentliche Einladung hinter dem, was zunächst nach einer unbequemen Wahrheit klingt: Ja, jede Nähe macht verletzlich. Ja, wir drücken einander Knöpfe, ohne es zu wollen, wieder und wieder, ein Leben lang. Aber genau darin liegt auch das Potenzial, die Klarheit, die keine Statistik über glückliche Singles einfangen kann – das Potenzial, an einem anderen Menschen zu wachsen, weil man sich ihm nicht entzieht, wenn es unbequem wird. Das heißt aber nicht, dass jede Frau und jeder Mann zusammenbleiben sollten. Im Gegenteil: In einer Paartherapie kann ein Paar für sich auch erkennen, dass sie einander gebraucht haben, um zu erkennen, dass es an der Zeit ist, neue Wege einzuschlagen, sich selbst besser verstehen zu wollen und eine Beziehung auf Augenhöhe einzugehen. Manche Paare erkennen auch den Vorteil einer verschmolzenen und scheinbar sicheren Bindung und gehen diesen Weg weiter. Sie trauen sich aktuell nicht zu, aus ihrem alten Ich herauszuwachsen, weil alte Glaubenssätze stark triggern und es aktuell nicht denkbar ist, etwas zu verändern. Meist fehlt die Kraft, aber durch das Wissen um die Situation wird über kurz oder lang trotzdem eine Veränderung anstehen. Auch das darf sein, denn manchmal braucht es Raum, Erarbeitetes zu verstehen, zu fühlen, zu merken, was da gerade besprochen wurde, um später zu entscheiden: Kann ich so weiterleben?

Manchmal machen auch beide Partner eine Therapie und stellen das Paar etwas beiseite, um dann neu zusammenzufinden. Was auch immer es ist, was ein Paar oder eine Person bewegt – es ist alles erlaubt, und wir haben mehr Zeit, als uns manchmal bewusst ist. Es müssen nicht immer sofort Entscheidungen getroffen werden, wichtig ist, eine gute Entscheidung zu treffen – allein oder als Paar.

Fazit

Vielleicht ist es keine Zufallsauswahl, wo unsere Verletzungen in einer Beziehung entstehen. Sie entstehen genau dort, wo wir einander am nächsten sind. Der normale Sadismus des Alltags ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Er entsteht, weil Nähe uns verletzlich macht – und weil wir selten zu hundert Prozent mit uns selbst in Kontakt sind. Wie bei Jil und ihrem Mann zu Beginn dieses Textes: Es ist oft das Zurückgehaltene, das Unausgesprochene, an dem sich die Verletzung entzündet – nicht die volle Offenheit, sondern gerade ihr Fehlen. Wenn wir uns selbst nicht auf die Schliche kommen, warum wir zurückhalten oder vermeiden, stirbt beim Gegenüber etwas ab – denn er kann es nicht verstehen und bezieht es auf sich. Hinterfragt euch. Holt euch allein oder gemeinsam Hilfe und schaut eure Muster an. Wir können lernen, uns offen zu zeigen, uns gut auszudrücken und uns zu vertrauen, dass wir auf dem richtigen Weg sind – und dass unser Partner, wenn er liebend ist, diesen Weg mit uns gemeinsam geht. Hand in Hand ist vieles leichter.

Herzlich,
Claudia Franz